Was soll man auf die Frage antworten, wenn man gefragt wird, aus welchem Grund man Burschenschafter geworden ist?

Sicherlich wird keiner, und wenn er noch so lange "aktiv" war, diese Frage mit einem einzigen Argument beantworten können. Die Gründe, aktiv zu werden sind sicherlich so vielschichtig, wie auch die Leute selbst und sind für jeden anders gewichtet.

Ein paar Gründe scheinen auf den ersten Blick offensichtlich zu sein. Aber kann ein günstiges Zimmer in einer netten Villa in Universitätsnähe ein Grund für eine Lebenseinstellung sein? Hätte man da nicht auch in ein Studentenwohnheim ziehen können? Eigentlich wäre das Studentenwohnheim sogar die bessere Wahl, weil es mit wesentlich weniger Pflichten verbunden wäre. Also was ist es dann? Die Kontakte zu den "Alten Herren", die einem mal hier und mal dort weiterhelfen können? Auch hier wieder die gleiche Antwort: Hätte man in jedem Kegelverein, Fußballclub oder sonstigen Club auch einfacher haben können.

Das paradoxe an der ganzen Geschichte ist, daß man erst merkt, warum man wirklich aktiv geworden ist, nachdem man bereits einige Zeit selbst den Facettenreichtum erlebt hat.

Ich persönlich glaube, daß der wichtigste Aspekt ist, daß man sich selbst besser kennenlernt und sich bewußt in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln kann. Dies kann in symbolischen Situationen, wie z.B. bei der Mensur, bewußt forciert werden, bei der man die Grenzen seiner Belastbarkeit physisch und psychisch ausloten kann. Und welcher Student an der Universität hält selbst Vorträge über Themen, die nichts mit seiner Fakultät zu tun haben? Also ein bewußter "Blick über den Tellerrand", der heute bei der Jagd nach den Bonuspunkten für das Examen nicht mehr selbstverständlich ist. Aber auch losgelöst von solchen Ereignissen lernt man, ohne es zu merken, den Umgang mit anderen Menschen oder Bundesbrüdern, die vielleicht ganz anders als man selbst sind. Ein gewisses Argumentationsgeschick und eine Menschenkenntnis entwickelt sich so fast von alleine. So kann es vorkommen, daß ein Offizier den Anweisungen eines jungen Studienanfängers folgen muß oder, aus umgekehrter Sicht, der junge Drittsemester Verantwortung für Bundesbrüder übernehmen muß, die in vielen Dingen wesentlich mehr Erfahrungen haben. Profitieren tun sicherlich beide Seiten davon.

Durch das Zusammenleben und -erleben vieler solcher Situationen, von denen man noch etliche aufzählen könnte, entstehen oft Freundschaften, die ein ganzes Leben lang halten.

Man wird schnell feststellen, daß all diese Dinge einen gefestigten und ehrgeizigen Willen erfordern, aber der Spaß nie zu kurz kommt.
Nun, was erwartet einen jungen Studienanfänger wirklich, wenn er aktiv werden will? Gerüchte gibt es ja reichlich...

Bevor man bei uns aktiv werden kann (also quasi "Mitglied wird"), wird man erst einmal ein paar Wochen reinschnuppern, also an Veranstaltungen teilnehmen, sich Vorträge anhören, die Bundesbrüder kennen lernen und auf alle Fälle auch die Gelegenheit haben, sich einmal eine studentische Mensur anzusehen. Meist erkennt "der Neue" schon in dieser Zeit, ob er Spaß daran hätte, aktiv zu werden und ob das alles etwas für ihn ist. Im Gegenzug nutzen die aktiven Bundesbrüder natürlich auch die Gelegenheit, zu sehen, wer denn da aktiv werden will. Sicherlich werden wir niemanden aufnehmen, den nicht alle für geeignet halten.

Sollte man dann den Entschluss fällen, das Band aufzunehmen, folgt eine etwa zweisemestrige Zeit als "Fux". Man ist in dieser Zeit schon fast vollwertiges Mitglied, hat aber bei einigen Dingen noch kein Stimmrecht auf der Versammlung (z.B. bei Fechtfragen), da einem noch das Grundwissen in diesen Themengebieten fehlt. Um diese Erfahrungen zu erlangen gibt es zusätzlich alle ein bis zwei Wochen das so genannte Fuchskränzchen, in man dann sein Wissen vertieft und auch sein Geschichtswissen aus der Schule noch einmal aufpolieren kann.

Gleichzeitig lernt der junge Bundesbruder seine ersten Hiebe mit dem Korbschläger, um sich auf seine erste von insgesamt mindestens vier Partien vorzubereiten. Die Fechterei hat in unserer Verbindung einen recht hohen Stellenwert, was allerdings auch ein gewisses Maß an Eigendisziplin von jedem einzelnen verlangt. Nach einiger Zeit und der ersten geschlagenen Mensur wird eine Prüfung abgelegt, in der der Fux zeigen kann, dass er sich nun auf allen Gebieten im Zusammenhang mit studentischen Verbindungen so sicher bewegen kann, dass er unseren Bund würdig repräsentieren kann.
Als "aktiver Bursche" übernimmt er nun Vorstandsämter oder andere Aufgaben und ist Träger des eigentlichen Verbindungslebens. In dieser Zeit werden auch die restlichen Pflichtpartien geschlagen.

Nähert man sich nun dem Examen, so soll man die Möglichkeit haben, sich nun ganz und gar auf sein Studium zu konzentrieren, man wird "inaktiver Bursch". Von fast allen Pflichten befreit, nimmt man zeitlich nur noch soviel am Bundesleben teil, wie man selbst mit den Anforderungen des Examens vereinbaren kann. Nach Abschluß der akademischen Ausbildung scheidet man aus der Aktivitas aus und wird "Alter Herr". Diesen Status behält man bis zu seinem Tod. Viele Alte Herren kommen immer wieder zu Veranstaltungen oder auch nur so mal zwischendurch mit oder ohne Familie aufs Haus zurück, legen sich ihr Band um und es ist wieder alles so, wie es immer war.

Es gibt auf alle Fälle viel zu entdecken. Das beste Argument aktiv zu werden, ist ganz einfach: Die Frage an einen Bundesbruder, der schon länger dabei ist!